Armin (390 n.Chr.)

Mein Name ist Armin, Sohn des Arnolf, Speermann im Gefolge des Tagolf.

Mein Herr Tagolf hat einen großen Hof in Hlauppa, an der Neckarfurt mit einer Frau, einer Nebenfrau und einer 25 Mann starken Herdtruppe samt ihren Familien. Mein Herr ist weitgerühmt und viele Krieger kommen von weit her um sich seinem Gefolge anzuschließen. Mit Brandis, einem großgewachsenen Kämpfer aus dem hohen Norden, habe ich mich verbrüdert und zum Zeichen dafür haben wir die Gürtel getauscht.

Ich bin ein Gefolgsmann des Tagolf, so wie auch mein Vater in den Diensten meines Herrn und dessen Vaters stand. Mein Großvater Arnuld war bereits zusammen mit dem Großvater des Tagolf in römischem Dienst bis nach der großen Schlacht bei Argentorate und diese Diensttreue in der dritten Generation wurde mir vom Herrn Tagolf reichlich entlohnt. Als ich 15 Lenze zählte, schenkte mein Herr mir ein Kettenhemd als Zeichen der Verbundenheit unserer Familien.

Seit der Zeit meines Großvaters leben wir auf einer Waldhufe mit ein paar Mägden und 5 Knechten, unter denen auch ein Köhler ist. Meine Frau kümmert sich um die Hufe mit strenger Hand. Mein jüngster Sohn ist erst zwei Winter alt und es ist ein Geschenk der Göttin Frigg, dass meine Frau in ihrem stattlichen Alter noch ein gesundes Kind austragen konnte. Meine zwei älteren Söhne leben nun auf anderen Höfen, die beiden Mädchen sind uns im strengen Winter vor vier Jahren verhungert. Es war schon ein Wunder, dass die Kuh "Bunte" diesen Winter überlebt hat und wir mussten sie zu viert auf die Weide auf der Lichtung hinaustragen, als das erste Grün zu sehen war.

Unser Leben ist hart und einfach, doch - Ziu sei Dank - friedlich. Das war in meiner Jugend anders. Zwar bedrohten uns auch damals keine Feinde von außen, doch die Sippen untereinander waren verfeindet und Raubzüge in die angrenzenden Ortschaften versprachen reiche Beute. In den Fehden, die daraus entstanden, konnten sich junge Krieger - wie ich einer war - beweisen. Bei einem Streit mit Jägern aus der Sippe des Wacho, der an der Enz siedelt wurde der Bruder des Tagolf erschlagen. Wir zogen nach Wachoinga den Blutzoll zu fordern und fanden die Siedlung von nur wenigen Knechten bewacht. Mit reicher Beute und Gefangenen kehrten wir heim.

Leider fürchteten sich unsere Weiber vor dem drohenden Krieg und drängten alle Dörfer zu Friedensverhandlungen. Bei einem Treffen aller Bewaffneten wurden Eheschließungen zwischen den verschiedenen Sippen beschlossen, um den Frieden langfristig zu sichern. So musste auch ich mich mit einem Weib aus der Sippe der Wachoinger vermählen. Als Morgengabe bekam meine Frau Ortmunde ihre eigenen Fibeln zurück, die ich zuvor von ihr erbeutet hatte.

Ortmunde hat den Segen Friggs und sie sah so meinen Tod im Kampf in ihren Träumen vorher. Deshalb habe ich mich zurückgezogen und widme mich dem Holzhandwerk. Doch wenn mein Herr Tagolf ruft, werde ich mich weder von Träumen noch von meinen Gebrechen hindern lassen meinen Speer sprechen zu lassen.

Die Jungen Männer der Sippen sind stark und voller Tatendrang, doch all ihre Kraft stecken sie in Raufhändel und tödliche Wetten. Ich warne euch, bald schon werden blutige Fehden das zerstören, was wir in drei Generationen aufgebaut haben.

Anmerkungen

Hlauppa:ahdt. Stromschellen; heute Lauffen am Neckar

Schlacht bei Argentorate: 357 n.Chr. in der Nähe von Straßburg

Waldhufe:ein Gehöft, das überwiegend von Wald umgeben ist. Auf gerodeten Flächen wurden zur Selbstversorgung z.B. Wurzeln und Beeren angebaut.

Frigg: auch Freya, germanische Göttin, Schützerin der Familie und des Heims

Wachoinga: Eventuell könnte der Ort Wachoinga geheißen haben; heute Vaihingen an der Enz