Ortmunde (390 n. Chr.)

Ich bin Ortmunde, Tochter des Ortwin aus der Sippe der Wachoinger, Gattin des Armin aus der Sippe der Tagolfinger.

Seit ich denken kann, waren diese beiden Sippen verfeindet. Schuld daran waren die streitlustigen Kämpfer der Tagolfinger. Ihre ständige Überfälle und Plünderungen machten uns das Leben schwer. Bei einem dieser Überfälle wurden mir sogar meine kostbaren Fibeln gestohlen, die ich von meinem Vater als junges Mädchen geschenkt bekommen habe. Unsere eigenen Krieger riefen zum Gegenangriff, doch brachten ihre Raubzüge mir meine geliebten Fibeln nicht zurück.

Als ein Krieg unausweichlich schien, mussten wir Frauen eingreifen: Wir schlugen vor, die verfeindeten Sippen durch Eheschließung aneinander zu binden. Alle Fehden sollten damit beendet werden, auf dass ein dauerhafter Friede einkehrt. Bei einem Thing unserer Sippen wurde unser Vorschlag angenommen und wir Frauen mussten uns einen Gatten wählen. Ich erwählte Armin als meinen Gemahl und forderte meine Fibeln als Morgengabe zurück.

Meine Wahl war gut. Armin bekam von seinem Herren eine Waldhufe. Doch leider interessiert er sich nur den Kampf und sein Handwerk. Deshalb kümmere ich mich um den Hof, die Knechte und die Mägde. Er wäre mit dem Gesinde eh viel zu nachgiebig.

Frigg schenkte mir zwei gesunde Söhne, doch nahm mir ein harter Winter meine beiden Töchter. Trotz meines fortgeschrittenen Alters, wollte ich deswegen noch ein weiteres Kind bekommen. Meine Haare haben ihr kräftiges Rot noch nicht verloren und meine Zöpfe sind noch dick. Ich brachte Frigg ein Jahr lang Opfergaben, damit sie mir noch eine Tochter schenkt. Jeden Monat ging ich zu dem hohlen Baum am Weiher, der ihr geweiht ist und steckte meine besten Tuche und Geschmeide in den Stamm. Frigg hatte ein Einsehen mit mir und schenkte mir meinen dritten Sohn.

Seither ist es weithin bekannt, dass ich in der Gunst der Göttin stehe. Frauen aus allen Dörfern zwischen Enz und Neckar kommen zu mir und fragen mich um Rat. Mein Wort hat Gewicht und ich genieße großes Ansehen. Doch die Nähe zu den Göttern ist nicht immer einfach. Nachts schickt mir Frigg in meinen Träumen Visionen von Armin, der im Kampf fällt. Ich warnte ihn, doch er will davon nichts wissen.

In jüngster Zeit sind die Sippenfehden zwischen den Tagolfingern und den Wachoingern erneut entflammt und Armin poliert schon seinen Speer. Doch ich schwöre bei meinen roten Flechten, ich werde nicht zulassen, dass er sich dem Willen Friggs wiedersetzt. Der Alte Narr soll zuhause bleiben und das Kämpfen den jungen Streithähnen überlassen.

Anmerkungen:

Morgengabe: [ahdt. Morgingaba] gesetzlich verbürgter Besitz der Frau, der ihr auch nach dem Tod des Mannes verbleibt.

Zopfeid: [ahdt. Nasteid, Nesteleid] Schwören bei den Zöpfen - eidliche Beteuerung einer Ehefrau, z.B. dass ihr Anspruch auf Morgengabe begründet ist.